Osterode

Als ich 8 Jahre alt war, nahm ich am Osteroder Stadtlauf teil, der zufällig stattfand, als wir meine Großeltern dort besuchten. Ich kam irgendwo im Mittelfeld ins Ziel und bekam auch (wie alle anderen Teilnehmer) eine Medaille. Zufrieden war ich trotzdem nicht. Noch heute zitieren meine Eltern zur allgemeinen Belustigung gerne mein schlecht gelauntes Fazit: „Entweder man strengt sich wahnsinnig an, oder man wird Letzter. Und ich will beides nicht.“

 

Eine gewisse Persönlichkeitsentwicklung hat seitdem wohl stattgefunden. Aber wenn die Ferien da sind, bin ich wieder 8 Jahre alt und extrem frustriert.

 

Einen einigermaßen kinderreichen Haushalt am Laufen zu halten, ist eine sportliche Angelegenheit, und ich bin durchaus bereit, die Herausforderung immer wieder neu anzunehmen: den Versuch von zumindest oberflächlicher Sauberkeit, einem Ordnungslevel möglichst nahe an meinem Ideal, dem Spagat zwischen weder leerem Kühlschrank noch leerem Girokonto, dem Dreckwäsche-Dreikampf Waschen-Trocknen-Legen, einer aufgeräumten Küche, bevor die nächste Mahlzeit ansteht.

Um mich bei diesem ständigen Wettkampf wenigstens ab und zu (wenn auch nur für sehr kurze Zeit) als Siegerin zu fühlen, brauche ich regelmäßig einen kleinen Vorsprung vor dem Rest der Familie, denn sobald die ersten Kinder aus der Schule kommen, muss man auf Zack sein, dann gilt es, das Erreichte zu erhalten. Elternbriefe unterschreiben, Termine eintragen, Knie verpflastern, das mache ich noch mit links. Gleichzeitig den Tisch abräumen, Vokabeln abfragen, der Barbie das Kleid zumachen, die Telefonkette weitergeben und alle 17 Büchereibücher zusammensuchen: kein Problem. Eine mehrstündige mütterliche Abwesenheit bei gleichzeitiger Teenageranwesenheit lässt mich ins Hintertreffen geraten? Egal, ich hole wieder auf.

Wenn aber die Ferien vor der Tür stehen, fühle ich mich wie damals: ich renne und renne, aber ich bin chancenlos gegen unregelmäßige Essenszeiten, Übernachtungsparties und die ständige Anwesenheit diverser Menschen unter 18, die ganz offensichtlich Bedürfnisse haben, die sich mit meinen eigenen nur geringfügig decken.

 

Mein bestes Rezept dagegen ist, den Wohnwagen startklar zu machen und loszufahren. Die Wohnfläche auf 8 gemütliche Quadratmeter zu reduzieren bedeutet, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Das Chaos bricht zwar genauso schnell aus wie immer, aber das Aufräumen geht ratzfatz!

Jede Menge Zeit, mit einem Buch in der Sonne zu sitzen – vielleicht hänge ich mir dabei in Zukunft meine Osteroder Medaille um.