Bierkiste

Der Flur ist voll: Jacken, Fahrradhelme, Schuhe, Tischtennisschläger, Schlüssel, Schwimmsachen, Sport-, Hand- und Aktentaschen, Taschentücher, Taschenbücher, Hundeleine. Altpapier (auf dem Weg nach draußen), Post (auf dem Weg nach drinnen). Eine dreiviertelvolle Kiste Bier.

 Die sei noch vom Richtfest, sagt die Kundin auf meinen fragenden Blick. Ich frage, wann das denn war. Sie rechnet kurz nach, es ist gute 4 Monate her. Seitdem umschifft jedes Familienmitglied die Kiste täglich vielmals. Sie und ihr Mann tränken aber kein Bier, und abgelaufen sei es leider auch noch nicht, sonst könnte sie es ja wegkippen. Ob ich vielleicht Interesse hätte? Sie schaut etwas ratlos.

Eine Bierkiste (ein Umzugskarton, in dem noch drei Bilderrahmen und eine kaputte Kulturtasche liegen/das Häufchen Schrauben vom Bauprojekt im Kinderzimmer auf dem Weg in den Schuppen/der Stapel aussortierter Bücher/zwei Buchstützen und eine Spardose) begegnet mir in jedem Haushalt (inklusive meinem eigenen).

Erst wenn Frau Jansen die Augenbrauen hochzieht und lästige Fragen stellt, wird klar: eine Bierkiste im Flur ist kein unausweichliches Schicksal.

In diesem Fall war es ganz leicht: Kiste ins Treppenhaus, daran ein Zettel mit der Aufschrift „zu verschenken“. Eine halbe Stunde später klingelt es, ein paar fröhliche Handwerker, die im Haus zu tun hatten, nehmen die Kiste mit und drücken meiner Kundin Geld für die Pfandflaschen in die Hand.

Geht doch.

Zu dem kleinen Einblick in einen ganz normalen Ordnungsrausch-Einsatz kam umgehend eine nette Antwort von meiner Kundin mit der Bierkiste - das fand ich großartig. Vielen Dank!

Das Schlimmste an Unordnung ist - mal abgesehen davon dass sie ungemütlich ist, Arbeit macht und irgendwie belastet - dass sie peinlich ist. (Ja, das mit der Bierkiste, das bin ich).

Das Gute an Ordnungsrausch, bzw. an Frau Jansens Umgang mit meinem Chaos ist, dass nichts peinlich ist. Es ist wie es ist und mit Frau Jansen kommt die (Er-)Lösung.

Es ist immer noch Arbeit, aber es ist machbar. Es ziehen feste Abläufe ein, die sich fast nebenbei erledigen. Na klar, ich habe auch schon eine Million toller Ratschläge und aufgedrängter Hilfen von Mutter und Schwiegermutter und klugen Freundinnen hinter mir. Die versuchen aber alle, mich von IHRER Ordnung zu überzeugen. Frau Jansen hat mit mir MEINE Ordnung gemacht. Das ist nicht immer logisch für die anderen (Luftpumpe bei den Schuhen meines jüngsten Sohnes), aber es funktioniert für mich (ich brauche und habe nur noch ein Pumpe, nicht mehr drei, denn ich kann sie immer finden: am häufigsten wird sie gebraucht zum Fußbälle aufpumpen für den Jüngsten. Das macht für mich Sinn und ich finde die Pumpe auch wenn ein Fahrradschlauch geplatzt ist).

Ach, übrigens: ich bin schon wieder umgezogen. Und freue mich auf einen Termin mit Frau Jansen.